Matthäus Friedrich Chemnitz

Matthäus Friedrich Chemnitz

Matthäus Friedrich Chemnitz

Matthäus Friedrich Chemnitz wurde am 10. Juni 1815 in Barmstedt als 5. von 15 Kindern des Pastoren Johannes Paul Chemnitz im Pastorat an der Hörn (dem Vorgängerbau des heutigen Pastorats Chemnitzstraße 9) geboren und von ihm – wie es damals üblich war – bis zur Primareife, was heute der Versetzung in die Oberstufe entspricht – unterrichtet. Mit 17 Jahren besuchte er von 1832 bis 1835 das Christianeum in Altona. Als sein Vater 1834 starb, zog seine Mutter in das Predigerwitwenhaus „An´n Riekenreeg“ (Reichenstraße). Nach dem Abitur studierte er von 1835 bis 1840 Jura in Kiel und wurde ab 1840 Rechtsanwalt in Schleswig. Er war Turner und wurde bald Mitglied des Schleswiger Sängervereins, dessen Dirigent der Kantor am St.Johanniskloster Karl Gottlieb Bellmann war.

Predigerwitwenhaus in der Rikenreeg/Reichenstraße, in dem Chemnitz´ Mutter mit ihren Kindern nach dem Tod des Vaters lebte.

1844 veranstaltete dieser Schleswiger Sängerverein ein großes Sängerfest mit Einladungen an alle entsprechenden Vereine in Schleswig und Holstein. Zur Begrüßung wurden überall Fahnen ausgehängt in den alten Wappenfarben blau-weiß-rot. Vor ca. 14.000 Hörern fand das Sängerkonzert statt, danach im Festzelt nach einer Rede auf das „ungedeelte“ Vaterland die erste Aufführung des neuen Schleswig-Holstein-Liedes, die in ungeheurem Jubel geendet haben soll. Der Komponist war Bellmann, Autor dieses Liedes war Chemnitz. Er hatte allerdings nur ein anderes Lied von Straß, auf das Bellmann bereits die Melodie geschrieben hatte, umgedichtet und ihm diese vaterländisch-deutsche Tendenz gegeben. Nach diesem Erfolg traten die Schleswig-Holsteiner Sänger mit diesem Lied auch in Würzburg beim ersten großen deutschen Sängerfest mit 20.000 Teilnehmern an. Chemnitz war auch dabei. Ein Erfolg des Liedes soll es gewesen sein, dass man sich in ganz Deutschland für die schleswig-holsteinische Frage zu interessieren begann. Den politischen Kampf unterstützte Chemnitz durch „Korrespondenzen“ in deutschen Zeitungen.

Lithografie aus den 1840er Jahren mit Symbolen des Schleswig-Holstein-Liedes

Das Schleswig-Holstein-Lied von Matthäus Friedrich Chemnitz (1815-1870) wurde in der vorrevolutionären und von nationalen Strömungen geprägten Zeit 1844 zum ersten Mal auf einem großen Sängerfest in Schleswig aufgeführt, verbreitete sich schnell in ganz Deutschland als nationaler Hit und wurde auf dem Würzburger Sängerfest 1845 stürmisch gefeiert. Die Lithografie aus den 1840er Jahren mit Symbolen aus dem Schleswig-Holstein-Lied zeigt die zusammengewachsene „Doppeleiche“, die aufgehende Sonne für den „schöneren Morgen“. Vorn stehen ein Student mit der 1845 verbotenen blau-weiß-roten Landesfahne und ein Turner mit der schwarz-rot-goldenen Fahne der deutschen Einheitsbewegung, darin 4 „F“s für „frisch, fromm, fröhlich, frei“

Es drückte – wie das „Lied der Deutschen“ von Hoffmann von Fallersleben, das 1841 auf der englischen Insel Helgoland entstanden war – die national geprägte Stimmung bürgerlicher und deutsch gesinnter Kreise aus. Schleswig-Holstein war als Grenzgebiet zwischen den Reichen jahrhundertelang unbestritten unter dänischer Krone gewesen, obwohl nur das Herzogtum Schleswig dänisches Lehen gewesen war. Durch den Vertrag von Ripen hatte die Ritterschaft beider Landesteile sich ein historisches Recht auf dauernde Zusammengehörigkeit unter einer Krone gesichert. Die dänische Krone war damals an die deutsche Dynastie der Oldenburger gefallen. Eine „nationale“ Frage hatte es entsprechend nie gegeben. Erst nach 1815, mit zunehmender Verfassungsdiskussion aufgrund völlig veränderter gesellschaftlicher Bedingungen sowohl in Dänemark als auch in den verschiedenen deutschen Fürstentümern und Polen, war die Frage nationaler Grenzen akut geworden. Hinzu kam der dänische Staatsbankrott von 1815, der eine erhöhte Steuerlast für die Herzogtümer mit sich gebracht hatte. Lornsen und Dahlmann hatten für Schleswig-Holstein jeweils unterschiedliche Zugehörigkeiten gefordert. Lornsen war, obwohl er für eine „schleswigholsteinische“ Verfassung unter dänischer Krone eingetreten war, von eben dieser Krone mit einjähriger Haft bestraft worden. Auch in Dänemark gab es starke bürgerliche Kreise, die eine demokratische Verfassung forderten, dabei aber das Herzogtum Schleswig einbeziehen wollten, und zwar „bis zur Eider“. Entsprechend wurden sie „Eiderdänen“ genannt. Gegen diese Position richteten sich die „Deutschgesinnten“. Wichtige Formen politischer Öffentlichkeit in dieser von Zensur geprägten Zeit waren einerseits Burschenschaften für die Studenten, andererseits Schützenvereine, Turnvereine, Liedertafeln und Gesangsvereine für das Bürgertum. Aus diesen heraus fand die Agitation für eine Zugehörigkeit Schleswig-Holsteins zu einem zukünftigen national geeinten Deutschland bzw. Dänemark statt.

Am Heimatort des Barmstedter Dichters bewirkte dieser Erfolg offenbar die Gründung einer eigenen Barmstedter Liedertafel im Jahr 1845, von deren Geschichte uns allerdings nicht viel bekannt ist. Im März 1848 kam es im Zusammenhang mit der deutschen Revolution auch in Schleswig-Holstein zu einer Erhebung gegen die dänische Gesamtstaatspolitik, gemischt mit demokratischen und sozialen Forderungen. Diese „Erhebung“ ging jedoch 1852 mit der Schlacht bei Idstedt verloren und die Revolutionäre mussten das Land verlassen. Viele gingen nach Amerika, Chemnitz ging zunächst nur nach Hamburg. Er wurde dort Redakteur der „Hamburger Nachrichten“, siedelte aber bald nach Würzburg um, wo er zunächst bei der Main-Dampfschiffahrtsgesellschaft als Sekretär, später beim Polytechnischen Verein als Historiker arbeitete. Er heiratete 1855 Marie Katharine Wittmann in der Barmstedter Kirche, zog aber mit ihr wieder nach Würzburg und gründete dort eine Familie. Seine Frau starb schon 1863. (Dössel, Stadt und Kirchspiel, S. 231f) 1864, nachdem Preußen und Österreich per Reichsexekution Holstein eingenommen hatten, erhielt Chemnitz eine Stelle als Kloster- und Amtsvogt in Uetersen, wohin er mit seinen beiden Kindern zog. Er war Anhänger eines eigenständigen Bundesstaates Schleswig-Holstein und daher – wie viele andere – bitter enttäuscht über die Bismarcksche Einverleibungspolitik. Nach dem 1866er Krieg gegen Österreich annektierte Preußen die Herzogtümer als Provinz. Immerhin erhielt er jetzt eine Stelle als Amtsrichter in Altona, wo er in der Wilhelmstraße mit Mutter und beiden Kindern wohnte. Am 15. März 1870 starb er nach mehrjähriger Krankheit schon mit 55 Jahren. Zu einem eigenen Grab reichte es nicht, weshalb ein reicher Freund ihn in seinem eigenen Erbbegräbnis beisetzen ließ, auch der Stein wurde von von einer ehemaligen Schülerin gestiftet. 1898 errichtete allerdings die Stadt Altona auf dem Friedhof ein Grabdenkmal aus rotem Sandstein, das heute noch im Park der Altonaer Johanniskirche zu finden ist. Auch in Schleswig wurde ihm vom dortigen Sängerverein 1896 ein Denkmal gesetzt. In Barmstedt erhielt die Straße „In de Hörn“, in der er geboren wurde, seinen Namen und 1898 wurde für ihn auf dem Marktplatz ein Denkmal errichtet, das seit dem Ende des 2. Weltkriegs in der Großen Gärtnerstraße steht. Die Mittelschule wurde 1957 nach ihm benannt. An der Kirche steht noch ein Grabstein seines Vaters, der von 1801 bis 1834 als Pastor in Barmstedt wirkte.

Quellen

  • Christian Degn: Schleswig-Holstein – eine Landesgeschichte, Neumünster 1994
  • Hans Dössel: Matthäus Friedrich Chemnitz, in: Ders., Barmstedt: Geschichtliche Schau. Mit Beiträgen von Dr. Helmut Wulf, Berhard Theilig, Ernst-Adolf Wiechers, Heinrich Gabriel, Heinz Starken und anderen. Bearbeitet von Hildegard Burchert, Husum 1988
  • Hans Schultz Hansen: Demokratie oder Nationalismus – Politische Geschichte Schleswig-Holsteins 1830-1918, in: Ulrich Lange(Hrsg.): Geschichte Schleswig-Holsteins…
  • Vor 150 Jahren machte sich der Barmstedter M.F.Chemnitz mit einem Lied unsterblich, in: Barmstedter Zeitung vom 23.07.1994

Verfasser: Michael Theilig

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